Aristide Maillol

Text zu Harmonie 1er état

Mit seinem deutschen Förderer, dem Kunsthändler Harry Graf Kessler, und Hugo von Hofmannsthal unternahm Aristide Maillol 1908 eine Griechenlandreise, die ihm die klassische Skulptur unmittelbarer als bisher nahebrachte und ihm die Ähnlichkeit und den inneren Zusammenhang seiner eigenen südfranzösischen Heimat und der griechischen Antike aufdeckte. Noch in demselben Jahr begann die zwei Jahre später vollendete Arbeit an der Pomona, jener ersten großen Aktplastik, auf der der Ruhm Maillols sich später gründen sollte: eine füllige, sinnenfreudige, ganz tektonisch aufgebaute Göttin, die aus der Vorstellung ohne direktes Modellstudium geschaffen wurde. Jene Pomona war auch der Star einer Ausstellung am Ende der zwanziger Jahre in Berlin, die Maillol einem größeren deutschen Publikum bekannt machte. Die Entdeckung dieser Figur in der Berliner Schau veranlasste Gerhard Marcks zu der Auffassung, dass die mittelmeerische Kunst des Franzosen „für Deutsche unnachahmlich sei“. Wann immer in Deutschland ähnliche südliche klassische Leichtigkeit angestrebt werde, verfalle man lediglich in Klassizismus. In dieser und anderer Weise hat Maillol mit seiner Kunst besonders auch die deutsche Bildhauerkunst beeinflusst. Später hat er überwiegend nicht nach und vor der Natur gearbeitet, sondern sich zumeist ganz an seine Imaginationskraft und von rein künstlerischen Absichten bestimmten Formvorstellungen gehalten. Erst gegen Ende seines Lebens ist dann doch ein weiblicher Akt nach dem Modell der jungen Dina Vierny entstanden, das zuerst den Titel La Rose tragen sollte, aber letztendlich, nachdem Maillol in einem Lokal einen Vers von Berlioz rezitierte, in L’Harmonie umgetauft worden. 1934 hatte Maillol Dina als fünfzehnjähriges Mädchen kennengelernt und war ihr verfallen. Freilich: Diese Figur ist, wenngleich sie Ähnlichkeiten nicht verhehlt, ganz von den Formvorstellungen geprägt, die das Schaffen des großen französischen Bildhauers stets bestimmt haben.




Text zu Petite baigneuse à la draperie & Petite Vénus


Wie unterschiedlich ein und dasselbe Motiv, das eines schreitenden weiblichen Aktes, wirken kann, demonstrieren die beiden kleinen Bronzeplastiken Aristide Maillols aus dem Jahre 1916 die Petite baigneuse à la draperie und die Petite Vénus (vergleiche S. 8). Beide sind körperlich ganz ähnlich, doch der optische Eindruck der Badenden ist ein ganz anderer: Proportionen und Verteilung der Gewichte erscheinen erdenschwerer und stabiler als die der leichteren, eher tänzelnden Venus, deren Motive sich nicht auf ein Gewandstück oder Badetuch beziehen müssen. Dessen Hinzufügung verdeutlicht die „erzählende Kraft“ des Attributs und die Austauschbarkeit der Werkbezeichnungen, die an sich keine Themen in der Bildhauerei kennzeichnen, die es ursprünglich zu behandeln galt, sondern nachträglich an das Kunstwerk herangetragen werden. Diese zwei Variationen machen also auf Generalprobleme der figürlichen Plastik aufmerksam, mit denen sich die Bildhauer stets beschäftigen müssen. Maillol war erst spät, als über Vierzigjähriger, ganz zur Bildhauerei gekommen. Seit 1902 befasste sich auch er mit diesen Grundfragen. Seitdem schuf er überwiegend weibliche Akte in klaren Umrissen, ausgeprägtem architektonischen Aufbau und mit glatten Oberflächen. 

 

Dr. Jürgen Fitschen