Wann ist ein Bild fertig?
Im richtigen Moment aufzuhören ist eines der wichtigsten Fähigkeiten gerade beim Aquarellieren. Denn im Unterschied zu anderen Techniken kann man nicht endlos übermalen, das Bild vom Dunklen ins Helle entwickeln. Im Gegenteil, vom Hellsten, also vom Papierweiß, geht man beim Aquarell aus. Jeder Pinselstrich ist sichtbar und muß sitzen - beim Aquarell gibt es keine Korrektur. So ist es unabdingbar neben dem Selbstbewußtsein, großügige Pinselstriche zu setzen, auch das richtige Aufhören zu lernen.
Seine eigenen Bilder zu beurteilen ist oft sehr viel schwieriger als andere, hat man doch noch den ganzen Entwicklungsprozeß vor Augen. Für mich ist es wichtig, zunächst Abstand zu gewinnen. Nach Stunden oder Tagen ist man nicht mehr ganz so befangen, und das Ergebnis präsentiert sich in einem ganz anderen Licht. Eine zusätzliche Hilfe ist, das Blatt zu drehen, in den Spiegel zu halten oder von einer größeren Distanz aus zu betrachten.
Es gibt für mich wichtige Kriterien, die ein gutes Bild erfüllen muß, um es als fertig zu empfinden:
1. Die Tiefe
Ein Bild braucht Tiefe und soll dem Betrachter Raum und das dreidimensionale Sehen vermitteln. Man sollte in ein Bild hineingehen und sich darin verweilen können. Dies schafft man durch Gegensätze vor allem im Vorder- und Hintergrund (z.B. durch Gegensätze wie vertikal - horizontal, Wärme und Kälte oder durch verschiedene Größenverhältnisse). Je stärker diese Gegensätze sind, desto spannender ist der Bildaufbau. Vordergrund und Hintergrund sollten verbunden werden, um das Bild mit den Augen klar durchschreiten zu können. Dieser Pfad kann in Form einer dominierenden Straße einer Stadtansicht oder eine Felderkombination in einer Landschaft sein. Das bringt Ruhe und Harmonie in den Bildaufbau.
2. Verfremdung
Nicht das Abbild, sondern die Auflösung macht ein Bild interessant. Wenn ein Baum nur ein Baum sein kann, ist das zuwenig. Pinselspuren und Formen sollen Phantasie anregen.
3. Atmosphäre
Aquarelle, die Atmosphäre vermitteln, beinhalten die 4. Dimension, die unsichtbare Luft.
4. Höhepunkt
Ein gutes Bild hat einen Höhepunkt, einen Blickpunkt, wo das Auge hingezogen wird, einen König mit seinen Untertanen. Ein Motiv im Gesichtsfeld des Betrachters wirkt durch seine Fülle von Formen und Farben oft verwirrend. Wir als Maler haben nun die Aufgabe, zu vereinfachen und zu verdichten, die Natur zu unseren Gunsten zu verändern. Motive wie eine Dachlandschaft mit ihren unzähligen Dächern oder eine durch Feldern geformte Landschaft brauchen einen Höhepunkt, um spannend und klar zu wirken. Wenn man sich z.B. auf eine Architekturgruppe oder Feldformation konzentriert und diese, sei es farblich, strukturell, oder formal übertreibt und andere dagegen dem Bildrand zu immer mehr auflösend behandelt, bekommt das Bild ein optisch-magnetisches Kraftfeld. Wenn man beim Betrachten eines Blattes keinen Höhepunkt findet, wo alles zusammenfließt, alles andere ausgeht, fehlt etwas.. Den stärkste Höhepunkt ermöglicht die Farbkombination rot-schwarz-weiß.
5. Komposition und Bildausschnitt
Kreist das Bild um die Mitte, dann ist das die Ausnahme vom Kompositionssystem, denn man rechnet von der Bildfläche immer 1/3 zu 2/3, und zwar von oben nach unten oder umgekehrt und ebenso von links nach rechts und umgekehrt. Wird eine Diagonale durch das Bild gezogen, dann würde eine Gegenlinie die Bildfläche in Stimmung bringen. Ausnahmen wie z. B. in Salzmanns Spiegelbilder brechen aus diesen Gesetzmäßigkeiten aus und sind gerade deshalb wieder spannend.
6. Farbklang
Für ein gutes Bild ist ein Farbklang notwendig, also eine Farbe, die dominiert. Wenn alle Grundfarben auf einem Bild vorkommen, wirkt es bunt. Je weniger Farben man für ein Aquarell benutzt, desto mehr Stimmung wird das Bild ausstrahlen und desto einheitlicher wird es wirken. Eine Hauptfarbe, die 2 Drittel des Bildes beherrscht, also z.B. ein helles Ocker bis Braun, wird erst zum Farbklang durch ein komplementäres Blau konzentriert auf einem Drittel. Wenn man z. B. eine neue Farbe verwendet, dann sollte sie auf anderen Bildteilen in gemischter oder ungemischter Form wieder vorkommen. So wird ein Bild auch mit mehreren Farben noch eine einheitliche Stimmung haben. Farben können Perspektive und Tiefe erzeugen: Blau zieht zurück; Grün ist eine stehende Farbe; Rot und Gelb sind Strahlfarben, die nach vorne wirken. In einer guten Malerei befinden sich Weiß über die Zwischentöne bis Schwarz, das macht Spannung und erzeugt Tiefe. Weiß (Papierweiß) erzeugt die wichtigste Helligkeit und muß somit am richtigen Punkt sitzen und nicht im ganzen Bild verstreut sein.
7. Bewegung
Eine Landschaft, Stadtansicht oder eine abstakte Komposition darf nicht statisch sein. Bewegung und Gegenbewegung sind wichtig, um den Bildkanten entgegenzuwirken, die Formen zum Leben zu erwecken.
8. Aussage
Ein gutes Aquarell sollte eine klare und einfache Aussage haben, die man als Betrachter sofort erkennt, z.B. Tiefe, Wärme, Gegensätze usw. Aber auch sozialkritische Themen wie z.B. das Aufeinandertreffen von alter und neuer Architektur kann ein Bild interesant machen.
9. Transparenz
Es gibt noch eine andere Art des Aufhörens. Das sind die enorm wichtigen Pausen während des Arbeitsprozesses, um die Transparenz und Brillianz der Aquarellpigmente auf dem Papier zu ermöglichen. Pausen sind dafür notwendig, denn nur über eine getrocknete Fläche kann man eine neue Schicht legen, die Lasur. Neue strahlende Farben werden dadurch sichtbar.
Das Aquarell besteht aus vielen durchschimmernden Schichten, die neben dem Papierweiß dem Bild die unvergleichliche Leuchtkraft und Lichtwirkung verleihen. Um diese Wirkung zu erzielen, ist es nicht nur nötig, im richtigen Augenblick einen Schlußpunkt zu setzen, sondern im Vergleich zu anderen Techniken auch die vielen Stufen des Trocknens abzuwarten, um die sensiblen Farbschichten zu erhalten.
Um dieses Vorhaben ernst zu nehmen, ist es ratsam, sein Bild nicht aus den Augen zu verlieren, also dauernd zu beobachten, die Entwicklung vor Augen zu haben, auf der Hut zu sein. Ab einem Zeitpunkt, und der kann schon recht rasch sein, ist es wichtig aufzhören, Farben wirken zu lassen, um den Prozeß des Eintrocknens nicht zu stören. Mehrere Farben gleichzeitig aufgetragen lassen neue entstehen. Strukturen entstehen wie von selbst, alles fließt, alles ist in Bewegung. Ich möchte fast sagen, daß es die Pausen sind, die ein strahlendes Aquarell ausmachen und deren Notwendigkeit es zu erkennen gilt.
10. Malerisch-Grafisch
Ein wichtige Hilfe dafür ist es, sich der Gesetze des Malerischen immer bewußt zu sein. Eine aquarellistisch angesetzte Fläche z.B. hat keine Ränder. Ein Pinselstrich ist malerisch, wenn er nicht kantig verläuft. Um dieses zu ermöglichen, muß man schnell und selbstbewußt den Pinsel ziehen und setzen. Je spontaner ein Pinselstrich aufgetragen wird, um so stärker ist die Leuchtkraft der Pigmentierung. Eine Korrektur oder zusätzliche Verstärkung der Farbe ist schon ein Wertverlust. Wenn dieser Prozeß gelingt, also wenn sich Farbflächen und Strukturen malerisch verbinden, kann man jederzeit aufhören und das Blatt trocknen lassen. Fehler lassen sich, wenn sie einmal eingetrocknet sind, ja nicht mehr verbessern, ohne das Papier zu verletzen. Das Gesetz lautet: Beim Aquarell gibt es keine Korrektur.
Wenn einem vermeintliche Fehler passieren, d.h. wenn man das Bedürfnis hat, auszuwaschen, sollte man es sich lieber nocheinmal überlegen. Gerade diese ãFehlerÒ oder die Akzeptanz dieser kann neuen Mut auslösen oder dem Bild eine neue Wende geben.
Wenn sich beim Malen eine Ratlosigkeit breitmacht, ist das ein Zeichen für das Nachlassen des schöpferischen Prozesses, und dies ist der Zeitpunkt, sich neu zu sammeln. Oft kommt man in den Zustand, in dem man nicht mehr weiß, was man malen soll, das Motiv aber einiges vorgibt. Dieses Gefühl ist nicht trügerisch, es verlangt aufzuhören, auch wenn es nur für ein paar Minuten ist. Nach dieser schöpferischen Pause kann man neu beginnen, unbefangener das Bild kritisch betrachten und neue Entscheidungen fällen. Manchmal sind scheinbar unfertig von einer Malreise mitgebrachte Bilder auf einmal fertig. Gerade dieses Offenlassen oder Unfertige ist dann das Interessanteste an so einem Bild.
Wenn man das Glück einer schöpferischen Phase hat, ist man sozusagen in einem abgehobenen Zustand. So ist es auch oft nicht möglich, das Ergebnis sofort mit dem richtigen Auge zu sehen. Befangen läuft man oft Gefahr, gerade diese Bilder zu unterschätzen. Meine besten Bilder habe ich während des Malens oder danach verworfen. Besser ist es, einmal eine Zeit zu warten oder andere darüber zu befragen, zu diskutieren.
Anlaufstelle oder Ausgangspunkt kann ein Galerist oder ein Freund sein oder auch das bis zu diesem Zeitpunkt beste Bild. Man legt neu geschaffene Blätter dazu, und dadurch werden Qualitätsunterschiede offenkundig, die wiederum einen Rückschluß auf den künstlerischen Wert bzw. die Selbsteinschätzung ermöglichen.
Dies ist jedoch alles Theorie, viel wichtiger ist die freie und unbefangene Art beim Malen, die sich an keine Gesetze hält. Riskieren und überraschen ist die Devise, über seine Verhältnisse malen, dann lernt man am schnellsten. Toledo sagte mir einmal: jeder Pinselstrich ist eine übung, etwas Wertvolles.
Die kreative Beschäftigung allein ist schon so wertvoll, alles andere kommt von selber.
Bernhard Vogel