Text zu dem Buchleser
Dem Jahre 1936, in dem die Plastik Der Buchleser vollendet wurde, waren bereits dramatische Zeiten vorausgegangen, in denen Ernst Barlach miterleben musste, dass fast alle seine monumentalen und öffentlich aufgestellten Ehrenmale wieder unter dem Druck des nationalsozialistischen Regimes abgebaut wurden oder in Gefahr gerieten, sogar der Vernichtung entgegensahen, und die Anfeindungen immer schwerer zu ertragen waren. Trotzdem hielt er an den Bildern fest, die er einmal gefunden hatte: Einsame, in sich versunkene Gestalten in knappen, oft sehr im Block gebundenen, schwerblütigen Formen. Das Motiv der lesenden Figur begann Barlach schon in den zwanziger Jahren aufzugreifen, doch eine besondere Dichte hat es erst, auch zahlenmäßig, in den dreißiger Jahren bekommen. „Im Buchleser erscheint der Leser gegenüber der Außenwelt eher abgeschlossen. Er lebt in seiner Welt: ‚Sein Rücken, einer Kugelschale angenähert, hält wie ein Schild Störendes ab, schirmt Intimität und Alleinsein des Lesenden, die Voraussetzungen aller geistigen Bemühungen.‘ So formiert sich im Buchleser gegenüber den verordneten Diffamierungen ein unübersehbarer Widerstandswille. Lesen in dieser Tiefe macht frei, nicht nur nach innen, vielmehr im und durch Lesen.“ (Karl Kardinal Lehmann, 2005)
Text zu dem Melonenesser
Nachdem Ernst Barlach für das Hamburger Rathaus gearbeitet hatte, sodann nach Berlin ging, um in der Reichshauptstadt sein Glück zu versuchen, unterbrochen lediglich von einem einige Jahre dauernden Aufenthalt in Wedel, geriet er um die Jahreswende 1905/1906 in eine tiefe Krise, die bekanntlich durch eine Russlandreise beendet wurde. Menschen und Landschaft hinterließen einen außerordentlichen und nachhaltigen Eindruck bei ihm, der auch zur Überwindung der durch den Jugendstil bestimmten Jahre bildhauerischen Arbeitens führte und ihm eine klare Idee von den künftigen bildhauerischen Aufgaben vermittelte. Der Melonenesser aus dem Jahre 1907 gehört zu denjenigen Werken, die bald nach der Rückkehr von der Reise nach in Russland festgehaltenen Motiven geschaffen wurden und den Auftakt eines beispiellosen Erfolgs markieren.
Dr. Jürgen Fitschen
Text zu Ruhe auf der Flucht I
Bronze als plastisches Material spielte in Ernst Barlachs Werk bis 1930 eine eher geringe Rolle. Vielmehr stand die Holzskulptur im Vorderrund seines Schaffens. Ab Mitte der 1920er Jahre jedoch begann Barlach auf Anregung des Galeristen Alfred Flechtheim, sich intensiver mit dem Bronzeguss auseinanderzusetzen.
1930 vereinbarten Barlach und Flechtheim ein Gussprogramm von 20 Werken, die nach Modellen aus den Jahren 1907 bis 1930 geschaffen werden sollten. Zu diesen zählten neben dem Melonenesser auch die Ruhe auf der Flucht und die Kussgruppe I-III.
Barlach selbst empfand das Gussmaterial der Bronze als besonders geeignet für Arbeiten, in denen „die ganze Frische des augenblicklichen Gefühls erhalten“ bleiben sollte. Tatsächlich wirken die meist kleinformatigen Arbeiten bewegter, weniger statisch als Barlachs Holzskulpturen.
Die „natürliche Freiheit, Leichtigkeit und Fluß“ der Bronzen betonte auch der Kunstkritiker Karl Scheffler, der deren Ausstellung in der Berliner Galerie Flechtheim 1930 kommentierte. Für ihn stellten die Arbeiten „Gebilde der Improvisation“ dar.
So zeichnet sich auch die Kussgruppe durch einen ausgeprägt skizzenhaften Charakter aus. Der Vergleich zwischen den Entwürfen zur Kussgruppe I und II und dem zur Kussgruppe III verdeutlicht einen Prozess der Ideenfindung. Barlach spielt mit der Figurenkomposition, verändert die Körperhaltung des küssenden Paares, sodass der Kuss schließlich im dritten Entwurf am innigsten wirkt.
Text zur Kussgruppe III
Der Entwurf zur ersten Fassung der Ruhe auf der Flucht entstand 1921 und war ursprünglich zusammen mit den lesenden Mönchen als Holzplastik für die Diele im Haus des Breslauer Kaufmanns Leo Lewin geplant, jedoch kam es nicht zur Ausführung dieses Auftrages.
Beide Werke deuten Barlachs Bewunderung für Holzbildwerke und Andachtsbilder des Mittelalters an, wie er sie auch in seiner Schrift Lob der Bodenständigkeit betonte.
Tatsächlich lässt sich in Barlachs Bronzeplastik Ruhe auf der Flucht ein andächtiger Moment der Erleichterung und der Rast erahnen, jedoch ohne dass die Szene an Dynamik verliert. Das Tuch, welches Josef zum Schutz hinter seiner Familie ausbreitet, lässt Maria mit dem Kind wie in einer Höhle erscheinen und gibt der Plastik zugleich ihre in sich geschlossene Form. Der Faltenwurf der Gewänder allerdings veranschaulicht die freiere und fließende Formensprache, wie sie gerade für die kleinformatigen Bronzeplastiken Barlachs typisch ist.
Die Ruhe auf der Flucht ist eines von 20 Werken, die 1930 nach Modellen aus den Jahren 1907 bis 1930 in Bronze gegossen und im selben Jahr in der Galerie Flechtheim in Berlin ausgestellt wurden. Barlach, der zuvor hauptsächlich in Holz gearbeitet hatte, erkannte ab Mitte der 1920er Jahre zunehmend die gestalterischen Möglichkeiten der Bronze als Gussmaterial.
Sara Tholen