Georg Kolbe

Text zu Adagio

Adagio ist eine Tempusbezeichnung in der Musik. Es gehört zu den langsamen und ruhigen Tempi. Der Titel der Figur ist Programm: Die blockhafte Verhaltenheit der in ein stark stilisiertes Gewand gehüllten weiblichen Gestalt ist bisweilen als „gotisch“ beschrieben worden – wegen ihrer Verwandtschaft mit den Gewändefiguren an den Portalen hochmittelalterlicher französischer Kathedralen, die sich in der Ausdehnung stark an der sie tragenden Säule im Hintergrund orientierten. Die Gebundenheit der Figur, ihre „Dienstbarkeit“, kommt vor allem im schlanken Aufstreben, ferner in der Einbeziehung der Beine im Sockel zum Ausdruck. Der Rückbezug auf „mittelalterliche“ Formideale, auch auf die Gewandfigur ist in dieser Zeit nicht völlig ungewöhnlich. Wie viele andere Bildhauer suchte auch Georg Kolbe nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach einer neuen Formensprache, die ihn für ein Jahrfünft von den natürlichen Gestaltungsweisen der Aktplastik entfernte – der Ausdrucksplastik, die er bereits vor dem Krieg pflegte. Man vermutete manchmal einen Einfluss des Expressionismus. Eine ganze Reihe von Künstlern suchte nach dem Kriegsende 1918 mit diesem Mittel den Ausweg aus vermeintlicher Stagnation. Nach der Mitte der zwanziger Jahre ging die Entwicklung wieder allenthalben zurück zu den natürlicheren Formen. Adagio kann als ein künstlerischer Höhepunkt dieser Phase gelten, die Figur ist öfter gegossen worden und kennt wahrscheinlich zwei leicht abweichende Varianten (Berger). Rund fünfzehn Güsse stammen wohl aus den Jahren vor 1929, darunter auch dieses Exemplar. 

Dr. Jürgen Fitschen