Heinrich Steiner

Diese seit 1991 vierte Einzelausstellung Steiners ist zu seinem 100. Geburtstag am 16. Oktober 2011 zugleich die erste zu seinem Gedächtnis: im Rückblick auf die Jahrzehnte seit 1966, in denen er seine Bilder nicht mehr datierte, zugleich dem Jahr des Baus eines Sommerhauses in Lerici am Golf von La Spezia, seiner Arbeitsstätte vollends seit 1974, dem Jahr seiner Rückkehr nach Italien. Seit 1950, dem Jahr seiner Heirat mit Giuliana Toti in Florenz, hatte er als Kunsterzieher im Hessischen gearbeitet: seit 1950 im Landschulheim Schloss Buchenau, seit 1959 in Frankfurt. Rom wurde 1974 zu seinem zweiten Wohnsitz. Steiners Entscheidung für die freie Malerei ist auf das Jahr 1932 zu datieren. Nach fünf Jahren als Bühnenbildner in Hamburg, Berlin und München hatte er es endgültig leid, stets nur Werke von kurzer Lebensdauer schaffen zu sollen.
Steiners erste Emigration nach Italien – als Sohn eines jüdischen Theaterintendanten – hatte 1938 Florenz zum Ziel. In der Pensione Bandini an der Piazza Santo Spirito, über dem Deutschen Kunsthistorischen Institut, und im Umkreis der seit 1935 von Hans Purrmann geleiteten Stipendiaten-Villa Massimo an der Via Senese traf sich ein Künstlerkreis, der sich – wie Purrmann und Rudolf Levy aus der Pariser Matisse-Schule hervorgegangen – um eigene Wege abseits von Kubismus, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit bemühte, lyrischer als der ins Abstrakt-Dekorative abgleitende Matisse: neben Purrmann und Levy vor allem Eduard Bargheer, Kurt Craemer, Karli Sohn-Rethel, Heinz Battke und Emy Roeder. Steiner verdankte am meisten Bargheer (beim Aquarell) und Levy. Dieser bestärkte ihn, nicht mehr unmittelbar vor dem Motiv zu malen, sondern nach dem im assoziativen Gedächtnis gespeicherten visuellen Vorrat ausschließlich im Atelier.


Als nach dem Sturz Mussolinis und der Kapitulation Badoglios die deutsche Wehrmacht, SS und Gestapo im Sommer 1943 die Macht in dem von den Alliierten noch unbesetzten Teil Italiens übernahmen, war das Schicksal Levys besiegelt. Im Haus der Pensione Bandini wurde er auf Nimmerwiedersehen verhaftet. Vielleicht starb er bereits in einem Sammellager nördlich von Florenz. Der weit vorsichtiger agierende Steiner tauchte unter, Purrmann entwich in die Schweiz. Battke und Emy Roeder wurden interniert.


Nach letzten Anklängen an Matisse, Picasso und den zeitgenössischen Miserabilismus in den figürlichen sechziger Jahren entstand das fortan ganz und gar persönliche, im Eigentlichen malerische Werk Steiners als eine die Zeiten überdauernde Manifestation des Lyrischen in farbfreudig südlichen Motiven: räumlich klar in den Interieurs und Stillleben, farblich intensiv in den gleichsam freudig gestimmten, in die Tiefe gestaffelten Landschaften und Ortsbildern.


Gleichsam als Enkel-Schüler von Henri Matisse, vermittelt und vertieft durch Rudolf Levy, ragt Steiner als Meister einer fortwährenden Klassizität in diese gespaltene Gegenwart. Das Klassische als vom Geist gesetzte Synthese aus Seele und Sinnen (Richard Seewald) gewann in Steiners Malerei seit den späteren sechziger Jahren – basierend auf einer selten gewordenen lyrischen Begabung – endgültig „Die Tiefe im Antlitz der Welt“, von der Wilhelm Weischedel 1952 in seinem „Entwurf einer Metaphysik der Kunst“ sprach – ausgehend von Cézanne, der auch für Levy und Steiner verbindlichen Grundlage.


Steiners Maltechnik entsprach dieser Herkunft aus dem inwendigen eidetischen Reservoir. Zumal in seiner Ölmalerei trug er zunächst einige Flächen oder Flecken in gleichsam abstrakten Assoziationen von Gegenständlichkeit auf und entwickelte daraus, wie Matthias Arnold berichtet, seine sich auf Gesehenes stützenden Bilder - parallel zur Natur, aus dem Speicher des visuellen Bewusstseins heraus. Seine Darstellungen sind daher nicht etwa als Porträts einer momentan vorhandenen Wirklichkeit zu verstehen, sondern als Vertiefungen von Gesehenem, als konkretisierte Bilder des Besonderen im anschaulich Allgemeinen.

Reinhard Müller-Mehlis