Jo Jastram

Text zu Regenflüchtende

Das Mutter-Kind-Thema – und darum handelt es sich bei dieser Bronzeplastik – ist im
20. Jahrhundert eine weithin aufgegriffene Aufgabenstellung und insbesondere in der ostdeutschen Bildhauerkunst vielfach anzutreffen. Manche Facette von Not, Leid, Tod, Verfolgung, Vergänglichkeit, aber auch Schutz, Hoffnung, Glück, Wachsen und Werden, die Beziehung der Generationen, Familie lassen sich daran ausdrücken und sogar formale Fragen daran buchstabieren, so dass sich eine reiche und kaum überschaubare Ikonographie dieses Sujets ausgebildet hat. Seit den Tagen von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach und früher bereits ist es auch Ausgangspunkt vieler monumentaler Mahnmale für die Opfer von Verfolgung und Krieg geworden. Jastrams Mutterfigur sucht ihren Säugling vergeblich vor der Unbill des Wetters in Sicherheit zu bringen und wirkt dabei doch wie eine jener traurigen Gestalten, die uns Kriegsfotografen aus Buchenwald, Ostpreußen, Korea, Vietnam oder dem modernen Afrika immer wieder vor Augen geführt haben. Dabei wird leicht übersehen, wie viel künstlerischer Aufwand an dieser Gruppe verwendet wurde und dass jenseits aller ikonographischer Gesichtspunkte eine von allen Seiten ausgetüfftelte Form diesem Inhalt erst den Rahmen schafft.  

Text zu Sich wälzender Wallach

Joachim Jastram ist ein durch und durch norddeutscher Bildhauer der mittleren Generation, jener also um 1930 geborenen Künstler, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit studierten. Ihre Künstlerschaft ist zumeist mit einem besonderen Ethos verbunden, das im Osten wie im Westen durch die Erfahrung von Krieg oder auch Verfolgung bestimmt ist. Wie eine exquisite Reihe anderer Kollegen seiner Generation hat Jastram auf der Grundlage der modernen Tradition der deutschen figürlichen Bildhauerkunst vor 1933 seine eigene Formensprache entwickelt, sich mit Fragen des Reliefs und der Kleinplastik ebenso beschäftigt wie Gelegenheit erhalten, größere Werke im öffentlichen Raum zu verwirklichen. Die Tierplastik hat  in dieser Tradition einen nicht wegzudenkenden Platz, seitdem August Gaul das wilde und das domestizierte Tier am Ende des 19. Jahrhunderts als beseeltes Wesen für die Kunst entdeckte. Als Sinnbilder und Ausdruck der Freiheit und Würde einer jeden Kreatur haben alle großen deutschen Bildhauer im 20. Jahrhundert die Tierplastik, vor allem die des Pferdes, geschätzt – übrigens auch aus reiner Hingabe und Liebe, aus künstlerischen Gründen und als Herausforderung: Keine Aufgabe erfordert so hohe Beobachtungsgabe, Abstraktionsvermögen und die Befähigung zur Bewältigung vieler formaler Probleme in der Bildhauerkunst wie Bewegung, Aufhebung der Schwere, Proportionen etc. 

Dr. Jürgen Fitschen