Joan Miro

Joan Miró: Fusées (« Raketen ») - ein Feuerwerk der Farbe

 

„Die Radierung ist für mich ein wichtiges Ausdrucksmittel. Sie war für mich ein Mittel zur Selbstbefreiung, Erweiterung und Entdeckung. […] ein uner­mess­li­ches Feld von Mög­lichkeiten bot sich nun meinem Blick und meiner Hand dar […].“ (Joan Miró, im Gespräch mit Jacques Dupin, zit. n. Dupin 1984, S. 7)

 

Als Sohn eines Goldschmieds hatte Joan Miró den Sinn für die Materialen und Werkzeuge eines hand­werk­lichen Berufs geerbt. Ab 1933 nutzte er seine von Kindheit an im Zeichnen und Malen verfeinerte Geschicklichkeit auch für die Technik der Radierung. 1938 und 1939 beteiligte sich Miró in Paris neben Picasso, Masson, Tanguy, Kandinsky und dem ameri­kanischen Künstler und Drucker William Hayter an zwei Alben mit Radierungen. Die Be­geg­nung mit dem Hayter wurde für Mirós weitere Entwicklung auf dem Gebiet der Radierung entscheidend: 1947 vertiefte und verfeinerte Miró seine Fertigkeiten in der un­er­schöpflichen Skala der Radiertechniken in Hayters Atelier in New York. Besonders mit der Aquatinta-Technik, einer auch von Picasso sehr geschätzten und weiter entwickelten Warm­technik, entdeckte Miró für sich ein neues, reiches Ausdrucks­mittel, das der Malerei und der Aquarelltechnik nahe steht.

 

Auch für das hier vorliegende Konvolut von sechs Radierungen mit dem Titel „Fusées“ („Raketen“) nutz­te Miró die malerischen und kreidigen Qualitäten der „warmen“ Aquatintatechnik, ergänzt durch den gele­gentlichen Kontrast mit scharf gesetzten Kaltnadelätzungen und spielerisch vollendet durch nachträglich von Hand gesetzte Farbpunkte. Form und Farbkraft, Schärfe und Unschärfe, materiali­sierter Gestus und spiele­rische Spontaneität greifen in den Arbeiten ineinander und verleihen jedem der druckfri­schen Blätter eine große Intensität und künst­lerische Authentizität. Die sechs Arbeiten gehören als geson­derte Künstler­ab­zü­ge zum Mappen­werk „Fusées“ („Raketen“), in dem Radierungen für das Buch „Nous avons“ von Robert Char (Paris: Louis Broder, 1959) als lose Blattabzüge mit breitem Abziehrand heraus­ge­­geben wurden. Miró hat die sechs Künstlerabzüge handschriftlich seinem Drucker Robert Dutrou ge­wid­met, im Sinne eines persön­lichen Dankes für das konstruktive Arbeitsverhältnis zwischen Künstler und Drucker.   

 

Robert Dutrou war ein Schüler des Druckers Roger Lacourière in Paris, der durch die Arbeit für berühm­te Avantgardekünstler eine Schlüsselfigur der Grafikkunst des 20. Jahrhunderts darstellt. Bezeichnen­der­wei­se beauftragte auch Miró bereits 1933 den hoch angesehenen Lacourière mit dem Druck seiner ersten Ra­dier­arbeiten. Bei allem Streben nach Perfektion und Qua­lität war Lacourière höchst experimen­tier­freu­dig; zu seinen Kunden zählten Matisse, Rouault, Dalí und vor allem Picasso.

 

Dutrou erlernte von 1944 bis 1956 bei Lacourière die Techniken des Kunstdrucks, bevor er mit Aldo Cromme­lynck, einem weiteren Meisterschüler von Lacourière, in Paris eine eigene Druckerei führte. Auch Miró ließ Ende der 1950er Jahre bei Crommelynck und Dutrou drucken, und genau aus dieser Zeit, 1959, stammen die vorliegenden sechs Künstlerabzüge. Ein Jahr später, 1960, gab Dutrou die Zu­sammenarbeit mit Crom­melynck auf und übernahm gemeinsam mit seiner Frau Lydie die Leitung der Kunst­druckerei der Gale­risten Aimé und Marguérite Maeght in Paris und Saint-Paul-de-Vence. In dieser Funktion arbeite­te Dutrou wiederum für Miró, ferner für Braque, Calder, Tapies, Chillida und viele andere Künstler.