Lesser Ury, 1861 in Posen im heutigen Polen geboren und ab 1873 in Berlin aufgewachsen, begegnete 1881 und 1883 in Paris der Kunst der französischen Impressionisten. Diese Kunst öffnete seine Augen und seine Palette für helle und leuchtende Farben. Nach Studienaufenthalten in Brüssel, Antwerpen, Paris, Stuttgart und München nahm Ury ab 1887 seinen Wohnsitz bei oder in Berlin, wo er in demselben Jahr Max Liebermann kennen lernte. 1890 verschaffte ihm die Fürsprache Adolph von Menzels einen Preis der Preußischen Akademie der Künste in Berlin, nach deren Erhalt Ury zum ersten Mal nach Italien reiste. Ab 1891 folgten weitere Reisen nach Italien, Deutschland und in die Niederlande. 1914/15 öffnete Lovis Corinth dem Künstler die Berliner Secession, in der Ury mit großem Erfolg ausstellte. 1916 zeigte der Galerist Paul Cassirer Werke von Ury, die das Publikum begeisterten. 1921 erhielt Ury die Ehrenmitgliedschaft der Berliner Secession. 1931 starb Lesser Ury in Berlin.
Auf dem Gebiet der Landschaftsmalerei hat sich Ury mit besonderer Vorliebe dem Thema der Seenlandschaft gewidmet. In Berlin und der märkischen Umgebung fand er dafür ebenso Naturvorlagen wie an den norditalienischen Seen, die er auf Reisen nach Norditalien zwischen 1893 und 1909 immer wieder aufsuchte. Das vorliegende Pastell konzentriert sich mittels kräftiger Farbzonen ganz auf die Wiedergabe des südlichen Lichtes und der Klarheit der oberitalienischen Bergwelt. Bäume und Uferpflanzen, wie man sie in Urys märkischen Seenlandschaften findet, spielen hier keine Rolle. Die mit bewusster Einfachheit ganz in die Horizontale ausgerichtete Formenwelt von Wasserfläche und Bergkette bildet das ruhige kompositorische Grundgerüst für die Entfaltung der Farbeffekte, die vom leuchtenden Blauton des Himmels und der Wasserfläche beherrscht werden. Strahlend weiße Schneeflächen und rötliche Felspartien umspielen mit den dazugehörigen Reflexen den Grundton Blau; dunkle blaue Bergzonen führen den Blick in die Tiefe. Atmosphärisch sind über die gesamte Bildfläche zarte Gelb- und Orangetöne gelegt, die auch in der Bergkette als Lokalfarbe und Konturierung erscheinen. Als farbliches Komplement verstärken sie die Leuchtkraft des Blaus von Himmel und Wasser. Die Horizontalität des Motivs mit den strahlenden Farben und das Stilmittel der Konturierung erinnern an die alpine Landschaftsmalerei Ferdinand Hodlers, dem Schweizer Zeitgenossen Urys.
Bereits 1903 hob der Kunstschriftsteller Martin Buber in seiner Studie über Ury die Bedeutung der Landschaften im damals noch jungen Oeuvre hervor. Hier sei die Farbe „unbestrittene Alleinherrscherin“: „Alles will er als Farbe“ geben. Was die Form trenne, verbinde die Farbe. Besonders in den „Gardasee“-Motiven, zu der das vorliegende Pastell gehört, hat Ury die Wirklichkeit mittels der Farbe abstrahiert. Die Landschaft wird hier aus einer „intuitiven Wesensschau“ (Buber) heraus beschrieben. Man mag, so Buber 1903, „diese Farbenstimmung nicht erblicken; vor dem Bilde wird man sie miterleben“. (Martin Buber, Lesser Ury, Berlin, 1903, zit. n. Joachim Seyppel, Lesser Ury, Der Maler der alten City, Leben – Kunst – Wirkung, Berlin, 1987, S. 106-107)