Max Slevogt, 1868 in Landshut geboren, lebte nach der Studienzeit und einer ersten Schaffensphase in München ab 1901 in Berlin, wo er als Mitglied der „Berliner Secession“ neben Max Liebermann und Lovis Corinth zu den großen deutschen Impressionisten und Landschaftsmalern gehörte.
„Beflaggte Straße in London“ entstand am 17. Mai 1906 in London und ist, so Hans-Jürgen Imiela, das einzige Aquarell, das Slevogt in seinen Bilderlisten zur London-Reise 1906 erwähnte. Den Standort des Malers identifizierte Imiela folgendermaßen: „Möglicherweise stand er beim Malen auf den Stufen vor der Royal Exchange, denn bei dem Gebäude links könnte es sich um Mansion House handeln und rechts um die Bank von England; dann darf der in die Tiefe verlaufende Straßenzug als Cheapside identifiziert werden.“ (Ausstellungskatalog Max Slevogt, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Saarbrücken/Mainz 1992, S. 63)
Das Werk stammt von Slevogts zweiter Reise nach London, als der Künstler im Mai 1906 anlässlich der Ausstellung des “Deutschen Künstlerbunds” in der Princess Gallery in South Kensington in London die Hängung seiner Werke überwachte. Er stieg in De Keysers Royal Hotel am Victoria Embankment ab und besuchte ferner auch die National Gallery, die Wallace Collection und die Royal Portrait Gallery. Im Jahr zuvor war Slevogt Ende Februar/Anfang März 1905 zum ersten Mal nach London gereist und hatte bereits damals viele Museen aufgesucht. Zwei andere heute bekannte Aquarelle Slevogts mit London-Motiven stammen von dieser früheren Reise nach London und zeigen den „Hyde Park mit Reitern“ und „Schiffe auf der Themse und Tower Bridge in London“.
Wie Slevogt 1905 von London aus in einem Brief an seine Frau schilderte, war er von der Vitalität der englischen Hauptstadt sehr ergriffen: „London imponirt mir, - die Themse in den wechselnden Beleuchtungen, der wahnsinnige Verkehr auf den Straßen, die unzähligen Wagen, mit den lebhaften raschen Pferden, - […] das ist Großstadt, u. riesig interessant.“ Im vorliegenden Aquarell suchte er im Jahr darauf genau diese pulsierende Unrast des Großstadtlebens zum Ausdruck zu bringen, etwa, indem er die Passanten auf den Trottoirs und die Fuhrwerke auf der Straße als eine Ansammlung von blau-schwarz-braunen Pinselstrichen andeutet. Nur skizzenhaft sind auch die Architekturelemente erfasst, wobei Slevogt hier zur Darstellung von Details auch Pastellkreiden verwendete.
Die an sich farblose Stadtarchitektur wird durch die im Wind flatternden Fahnen belebt, die im Mittelgrund in doppelter Reihe an quer gezogenen hängen. Diese horizontal geführten Leinen mit flatternden Fahnen erinnert an ein berühmtes motivisches Vorbild, das Slevogt mit Sicherheit kannte: Alfred Sisleys „Les régates à Molesey (Près de Hampton Court, Angleterre)“, 1874, heute im Musée d Orsay in Paris. Das Flattern der bunten Fahnen in Rot und Blau unterstreicht die Lebhaftigkeit des Treibens unten auf der Straße. Über den Häusern liegt ein milchiger Himmel mit zarten Blau- und deckend abgemischten Rosatönungen, der wiederum an Sisleys atmosphärische Landschaftsbilder erinnert.
Künstlerisch führte Slevogt in diesem Aquarell die Errungenschaften seines Hamburg-Aufenthalts von 1905 fort. Auch dort findet man „das ´Verspannen´ der Bildebenen durch horizontale und vertikale Linien, auf deren ´Folie´ sich eine Straßenschlucht zur Tiefe hin zusammenzieht“ (Ausstellungskatalog Max Slevogt, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Saarbrücken/Mainz 1992, S. 484). Hinsichtlich der Großstadt-Thematik gibt es interessanterweise aus Slevogts Heimatstadt Berlin aber kaum vergleichbare Motive; allenfalls kann ein Aquarell von 1911 zum Vergleich herangezogen werden, das den Lützowplatz mit dem Herkulesbrunnen zeigt („Lützow-Platz in Berlin“, 1911, Gouache über Wasserfarben, Kunsthalle Bremen).