Was man aus Beton und Glas machen kann, zeigen einem gewöhnlich die Architekten, wenn sie ihre Häuser bauen. Was man in der Bildhauerei mit diesen Stoffen machen kann, zeigen einem Architekten, die zugleich Bildhauer sind: Es bedarf wohl dieser Affinität, dieses Zusammentreffens zweier Professionen in einem einzigen Leben, einer einzigen Biografie, um wirklich Sinnvolles auf jenem Feld der spröden und unzugänglichen Materialien zu schaffen. Jedenfalls sind wenige Künstler bekannt, die sich mit Erfolg über Jahre hinweg damit befasst haben. Für sie gilt, was für die Stahlbildhauer gilt: dass sie in den künstlerischen Gegensätzen die Ausdrucksform suchen und finden. Tragen-Lasten, Offen-Geschlossen, Körper-Fläche, Licht-Dunkelheit und Proportionen. Fast alles in dieser Kunst hat in einem dieser Punkte seinen Anfang. Und dann kommt es darauf an, wie das Werk, das aus industriell hergestellten Bestandteilen vorgefertigte „Gebaute“, gewissermaßen ins Leben gerufen wird, so dass nicht mehr das Material, sondern jener Kanon von antipodischen Verhältnissen ins Auge fällt – und schließlich zu einer künstlerischen Beschreibung von etwas anderem als sich selbst führt. Wie man das erreichen kann, demonstriert Simona Pries. Dafür ist die Kenntnis des zeitgenössischen Bauens und der dort verwendeten Baumaterialien die Basis, dort findet man die Stoffe ihrer Kunst zumeist zuerst: geschnittenes, sandgestrahltes, durch Bemalung oder Beschichtung eingefärbtes Glas, Kalksandstein oder Beton. Der Charakter von Glas sowie Stein oder Beton trifft unvermittelt aufeinander. Ein Kritiker schrieb einmal, das profane Material aus dem Baumarkt werde so zum Träger von Schönheit und Bedeutung. Etwa: Fünf Objekte aus einer Serie von rund zwanzig Werken an der Wand. Pries besitzt ein eigentümliches Gespür für den Raum der Assoziationen. Auf einem Betonsockel lagern farbige Glasplatten – senkrecht aufgestellt , so dass sie eine kaskadenartige Treppe ergeben – überall rechte Winkel, nur die Unterseite der Plinthe aus Beton wirkt wie abgerissen, wie das Profil einer Landschaft, die Oberfläche eines Ackers oder etwas ähnlichem; und dann die Farben des Glases, wie die Atmosphäre eines ländlichen Frühlingstages, eines linden Duftes, der uns angeht inmitten von frischen Blüten, uns in den Farben beinahe körperlich Nahe tritt, was nichts anders meint als: Sie haben die Kraft, Erinnerung in uns zu wecken, soweit wir sie denn mit der Welt überhaupt teilen.
Dr. Jürgen Fitschen