Inspiriert durch natürliche Formen besteht die Skulptur Newin aus neun Astgabeln, die jeweils stachelige Früchte tragen. Die verwendete rote Farbe, in der die gesamte Skulptur gehalten ist, deutet aber auf ein Phantasiegebilde hin, wie es in der Natur nicht vorkommt. So entsteht eine Spannung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit. Ein weiterer Gegensatz wird durch das verwendete Material begründet. Die verwendeten Materialien Silikon, Holz und Stahl sind in ihren Eigenschaften gegensätzlich, sowohl in den Eigenschaften wie Höhe und Haptik als auch in ihrem Ursprung, natürlich oder synthetisch. So erscheinen die Spitzen der Früchte auf den ersten Blick gefährlich und bedrohlich. Sie sind jedoch nicht fest, sondern weich und geben bei Druck leicht nach. Auch hier wird mit den Eindrücken der Betrachter gespielt. Die Skulptur lebt von diesen Gegensätzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit.
Vanessa Niederstrasser
Geboren 1971 in Wuppertal, 1996-2003 Studium der Architektur in Wuppertal und Düsseldorf, 2003-2008 Studium der freien Kunst in Düsseldorf, lebt und arbeitet ebenda
Die in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch recht junge Kunstgattung der Fotografie entdeckte damals die Natur ganz neu. Insbesondere Karl Blossfeldt (1865-1932), der schon seit 1898 an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin lehrte, befasste sich mit der systematischen Erfassung von Pflanzenformen mit Hilfe der Fotografie. Ausschlaggebend waren sozusagen schon künstlerische Gründe: In der preußischen Eisengießerei war man stets auf die Schwierigkeit gestoßen, für Schmiedearbeiten neue Formen zu ersinnen. Diese dachte man sich oft nach dem Vorbild von Pflanzen, die man anfangs noch in Mustersammlungen zusammentrug. Wegen Platzmangels verfiel man bald darauf, Fotografien anzufertigen, die einfacher zu archivieren und weniger empfindlich waren. Kurz vor Blossfeldts Tod im Jahre 1932 erschien ein Band mit dem Titel Wundergarten der Natur. Neue Folge Urformen der Kunst - Neue Bilddokumente schöner Pflanzenformen. Von den Fotografien darin gehören viele in den Umkreis des Wachsens und Werdens einer Pflanze, die aus einem Kern sich zur Blüte entfaltet und in der Kunst stets Symbol praller Lebensfülle geblieben ist. Die Idee, in der Welt der Pflanzen ursprüngliche, objektive Formen zu finden, die sich auch als Sinnbilder eignen, nahm bald immer mehr Raum ein und ist bis heute nicht mehr aus der Kunst verschwunden. Wie man sehen kann, auch bei Vanessa Niederstrasser nicht, die in den vergangenen Jahren erheblichen Erfolg mit den als „Castanea“ bezeichneten plastischen Objekten hatte. Dabei ist sicher: Es handelt sich um Schöpfungen, die so in der Natur nicht vorkommen. Niederstrassers Plastiken aus gefundenem Holz, aus Stahl und bemaltem Kunststoff (gelegentlich auch aus monochrom gefasster Bronze) sind keine „Bilder“ von und aus der Natur. Sie huldigen auch keiner irgendwie gearteten vordergründigen Idee von Naturschönheit. Doch die Beziehung ist klar: Früchte und Stiele sind nach der Natur gestaltet (und oft tatsächlich echte Versatzstücke aus der Natur!), und sie heißen ja auch nach wirklichen Pflanzen, deren Form den Kunstwerken Niederstrassers oberflächlich ähnelt: der Kastanienfrucht. Aber je genauer wir schauen, desto weiter sind sie entfernt von Natur und erscheinen ganz als das Ergebnis artifizieller Überlegung: Eine merkwürdige, entrückte Welt voller Spannung in dem künstlerischen Spiel mit den Begriffen Natur und Kunst tut sich hier auf.
Dr. Jürgen Fitschen