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Lyonel Feininger

Dröbsdorf, 1923

Bleistift auf Papier
17 × 21,7 cm
Signiert, datiert (5.IX.23), betitelt sowie verso Nachlass-Stempel
Provenienz:
Atelier des Künstlers, New York
Julia Feininger, New York
Nachlass Julia Feininger, New York
Marlborough Fine Art, London
Preis:
€ 12.800

Über den Künstler

Lyonel Feininger wird am 17. Juli 1871 als Leónell Charles Feininger in New York City (USA) geboren. Seine Eltern sind Musiker; der aus Baden stammende Vater, Karl (Charles), ist Geiger und Komponist, die Mutter, Elizabeth Cecilia, geb. Lutz, ist Pianistin und Sängerin. 1887 reist der erst 16 jährige Feininger nach Deutschland, wo er auf Wunsch der Eltern in Leipzig sein Geigenspiel vervollkommnen soll. Zunächst in Hamburg bei einer Verwandten lebend, nimmt Feininger Zeichenunterricht an der Hamburger Gewerbeschule. Er ist fest entschlossen Maler zu werden: „(…) das Leben wäre nicht lebenswert, wenn ich diesem Beruf nicht folgen könnte (…)“ schreibt er am 27. Februar 1888 aus Hamburg. Noch im selben Jahr geht Feininger nach Berlin, wo er an der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste das Studium der Malerei aufnimmt (bis 1890). In Berlin beginnt er Karikaturen zu zeichnen und als Karikaturist für Zeitungen und Zeitschriften zu arbeiten. Ein mehrmonatiger Aufenthalt (1890) in Lüttich, wo Feininger auf Wunsch des Vaters das Collège St. Servais besucht, weckt sein Interesse für die alte Architektur. Nach seiner Rückkehr nach Berlin (1891) studiert Feininger zunächst an der Kunstschule von Adolf Schlabitz, dann erneut an der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste. Nach einem Studienaufenthalt (1892/93) in Paris mit Besuch der Academie Colarossi kehrt Feininger nach Berlin zurück. Die Bekanntschaft (1905) mit Julia Berg, geb. Lilienfeld, die er 1908 heiratet, führt zu seinem ersten Aufenthalt in Weimar (1906). 1906 geht Feininger erneut nach Paris. Hier entstehen 1907 seine ersten Gemälde. Nach seiner Rückkehr nach Berlin lässt sich Feininger in Berlin-Zehlendorf nieder (bis 1919). 1911 begegnet er in Paris erstmals den Werken des französischen Kubismus, der nachhaltig sein künstlerisches Schaffen beeinflusst. Aufgrund seiner Liebe zu Weimar und dessen Umgebung mietet Feininger hier 1913 ein zusätzliches Atelier. Die ersten Gemälde der Dorfkirche von Gelmeroda entstehen. In demselben Jahr wird Feininger zur Teilnahme am Ersten deutschen Herbstsalon eingeladen, der von Franz Marc, August Macke und Herwarth Walden, dem Gründer der Berliner Galerie „Der Sturm“ organisiert wird. 1917 erhält Feininger seine erste Einzelausstellung in der Sturm-Galerie. 1918 beginnt Feininger seine ersten Holzschnitte zu schaffen, die neben der Malerei und dem Aquarell zu einem bedeutenden künstlerischen Ausdrucksmittel des Künstlers werden, und wird 1919 als erster Meister an das von Walter Gropius gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar berufen. Sein Holzschnitt einer Kathedrale mit drei Sternen (1919) dient als Titel des Programms des Staatlichen Bauhauses. 1921 wird Feininger Formmeister der Bauhausdruckerei und ist in dieser Funktion für die Herausgabe der druckgrafischen Editionen des Bauhauses Weimar verantwortlich (z.B. Neue europäische Graphik – Erste Mappe, Meister des Staatlichen Bauhauses Weimar, 1921). Zusammen mit Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky und Paul Klee gründet er 1924 die Gruppe „Die Blauen Vier“, die als eine Ausstellungsgemeinschaft gedacht ist. In den USA werden die vier Maler als Gruppe von Emmy Galka Scheyer vertreten. 1926 zieht Feininger mit dem Staatlichen Bauhaus nach Dessau um, wo er sich von Gropius von seiner Lehrtätgkeit entbinden lässt, jedoch als Artist-in-Residence bis 1932 bleibt. In diese Jahre fallen seine Aufenthalte in Halle (Saale), die zu einer zwischen 1929 und 1931 entstehenden Serie von 11 Gemälden führen (z.B. "Marienkirche von Westen", Halle, 1930, Öl/Lw., Halle, Kunstmuseum Moritzburg). 1931 erhält Feininger seine erste museale Retrospektive (Essen, Museum Folkwang). Nach der Schließung des Bauhauses 1932 durch den nationalsozialistischen Gemeinderat in Dessau, hält sich Feininger zunächst in Deep (Pommern), dann bei Freunden in Berlin auf. 1934 bezieht er zusammen mit seiner Frau Julia eine Wohnung in Berlin-Siemensstadt. 1936 folgt Feininger einer Einladung des Kunsthistorikers Alfred Neumeyer, eine Lehrveranstaltung am Mills College in Oakland, Kalifornien, abzuhalten. Feininger kehrt erstmals seit Jahrzehnten für einige Monate in die USA zurück. Obwohl seine Werke in Deutschland von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert werden, kehrt Feininger noch einmal nach Deutschland zurück. 1937 werden über 550 seiner Werke in den deutschen öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Feininger entschließt sich, Deutschland zu verlassen und folgt noch 1937 einer zweiten Einladung ans Mills College in Oakland, wo er einen Sommerkurs abhält. Feininger und seine Frau Julia lassen sich schließlich in New York City nieder (235 East 22nd Street). Seine zahlreichen an der Ostsee und um Weimar entstandenen Natur-Notizen dienen ihm dazu, die Erinnerung an seine Aufenthalte dort zu Aquarellen und Gemälden zu verarbeiten. 1942 kauft das Metropolitan Museum of Art, New York, Feiningers Gemälde "Gelmeroda XIII" (1936, Öl/Lw.) an. 1944 erhält Feininger eine bedeutende Retrospektive im Museum of Modern Art, New York, 1951 im Cleveland Museum of Art, Cleveland. Feininger stirbt am 13. Januar 1956.
Noch bevor Lyonel Feininger sich der Malerei zuwendet, ist er vor allem Zeichner und das Zeichnen „vor der Natur“ bleibt in seinem Schaffen eine wesentliche Basis für den Gestaltungsprozess seiner Kompositionen. Hunderte von Skizzenblättern entstehen, von Feininger „Notizen nach der Natur“ genannt, die er beschriftet und datiert aufbewahrt, sowie noch lange nach ihrer Entstehung und über viele Jahre hinweg als Grundlage für seine Kompositionen heranzieht. „Ich mache hintereinander zwei, drei, manchmal vier Zeichnungen von demselben Motiv, bis es erfasst ist. Nur später kann ich wissen, wie wertvoll mir diese Sachen werden“, berichtet Feininger 1913 seiner Frau Julia aus Weimar.(1) Seit dem ersten Aufenthalt in der Thüringer Kleinstadt, 1906, fühlt sich der Künstler, der von 1919-25 als Meister am Staatlichen Bauhaus Weimar unterrichtet, der Stadt und ihren umliegenden Dörfern tief verbunden: „Die Dörfer sind so alt, sind so verlassen, und meistens so auf hügeligem Gelände gebaut, dass es unglaublich feine Stellen gibt. Motive, die mich beglücken.“(2) Insbesondere die Dorfkirchen mit ihren Türmen faszinieren den Künstler und avancieren zu einem seiner zentralen Motive.
Eine vor dem Motiv geschaffene Natur-Notiz ist die 1923 mit Bleistift ausgeführte Zeichnung Dröbsdorf. Das nahe Weimar gelegene Tröbsdorf, dass Feininger durchweg Dröbsdorf nennt, ist einer der ältesten Orte der Region. Seine kleine Kirche St. Marien zeichnet sich durch einen wuchtigen Turm mit Schweifhaube und gedrungenem Mansarddach über dem Schiff aus. Die frühesten überlieferten Zeichnungen Feiningers von St. Marien stammen aus den Jahren 1920 und 1923. In letzterem Jahr zeichnet er die Kirche gleich mehrfach. In der Natur-Notiz vom 5. September 1923 zeigt er sie von Osten aus gesehen und setzt sie ins Zentrum des Blattes, eingebunden in die umliegende Architektur sowie in Nachbarschaft zu Baumbestand und Strommasten. Über dem Sakralgebäude zeigen sich dunkle Wolkenformationen, von Feininger durch geschwungene Bleistiftlinien angedeutet, wie sie in der Folge auch in den 1927 und 1928 geschaffenen, von prismatisch-gebrochen Formen gekennzeichneten Gemälden "Dröbsdorf"(WV Hess 294; Weimar, Klassik Stiftung Weimar) und "Dröbsdorf I"(WV Hess 301; Minneapolis, The Frederick R. Weisman Art Museum, University of Minnesota) zur Expressivität der Komposition beitragen. Anette Brunner

1. Brief vom 30.5.1913 an Julia Feininger, zit. nach Gerda Wendermann, Die Mystik des Gegenständlichen - Lyonel Feininger und Thüringen, in: Lyonel Feininger: Natur-Notizen. Skizzen und Zeichnungen aus dem Busch-Reisinger Museum, Harvard University, Köln 1993, S. 23.
2. Ebd.