Ernst Ludwig Kirchner

Zwei tanzende weibliche Akte im Atelier, 1929-38

Feder in Tusche auf Papier
29,7 × 20,5 cm
Provenienz:
Atelier des Künstlers
Lise Gujer, Schweiz (bis 1967)
Privatsammlung, Schweiz
Literatur:
Gerd Presler, Ernst Ludwig Kirchner, Die Skizzenbücher „Ekstase des ersten Sehens“, Monographie und Werkverzeichnis, Karlsruhe/Davos 1996, Skb 159, S. 353.
Ernst Ludwig Kirchner, Skizzenbuch 159, Gerd Presler, Galerie Koch, Hannover 2012, Abb. S. 71.
Kunst-Stücke: Eine Ausstellung auf Reisen, München - Hannover - Köln, Ausst.-Kat. Galerie Koch, Hannover 2021, S. 20f.
Ernst Ludwig Kirchners Zeichnung zeigt zwei weibliche Akte in einem Innenraum. Während der linke Akt in tänzerischer Bewegung mit leicht erhobenem Kopf in schwungvoll-gerundeten, der Dynamik entsprechenden Linien wiedergegeben ist, zeigt der rechte Akt eine verhalten-konzentrierte Position, die durch eine straffere, weniger ausholende Linienführung darstellt ist. Die Federzeichnung war Teil eines von Gerd Presler zwischen 1929 und 1938 datierten Skizzenbuches des Künstlers. Kirchner bewohnte in diesen Jahren das ‚Haus auf dem Wildboden‘ am Eingang des Serigtales bei Frauenkirch (Davos), in dem es erstmals einen explizit als Atelier bezeichneten Raum gab.
Kirchner liebte die Technik des Zeichnens. Sie ist das künstlerische Mittel, mit dem er sein Erleben und Empfinden unmittelbar festhielt. Er selbst bezeichnete seine Zeichnungen als „Schlüssel zu (seiner) Kunst“ und als „vielleicht das Reinste und Schönste seiner Arbeit (…) ein Spiegel der Empfindungen eines Mensch unserer Zeit.“(1) Insofern sind Kirchners Zeichnungen höchst persönlich, verbinden sich mit seiner Biografie und visualisieren das gegenwärtig Erlebte des Künstlers. „Eigentlich“, so Kirchner, „ist meine ganze graphische Arbeit ja weiter nichts als ein gezeichnetes Tagebuch“.(2) Der Akt und der Tanz sind zentrale Sujets der Zeichnungen Kirchners vom Dresdener Frühwerk bis hin zu seinen späten Arbeiten in der Schweiz. Wie in Dresden arbeitete der Künstler auch hier nicht mit professionellen weiblichen Modellen, sondern vielmehr mit Frauen aus seiner unmittelbaren Lebensumgebung, unter diesen seine Lebensgefährtin Erna Schilling.

1) Louis de Marsalle (Ernst Ludwig Kirchner), Vorwort, in: Ausstellung der Graphik von E. L. Kirchner, Ausst.-Kat. Galerie Aktuaryus, Zürich 1927, o.S.; Louis de Marsalle (Ernst Ludwig Kirchner), Zeichnungen von E.L. Kirchner, in: Ernst Ludwig Kirchners Davoser Tagebuch, Eine Darstellung des Malers und eine Sammlung seiner Schriften, Neuausgabe durchgesehen von Lucius Grisebach, Ostfildern 1997, S. 224.

2) Ernst Ludwig Kirchner, Brief vom 9.1.1923 an Gustav Schiefler, in: Ernst Ludwig Kirchner – Gustav Schiefler: Briefwechsel 1910-1935/1938, Stuttgart, Zürich 1990, S. 216.