Lyonel Feininger

Treptow a. d. Rega, 1929

Tusche, Kohle auf Papier
36,2 × 28,6 cm
Signiert, datiert (30.8.29) und betitelt
Provenance:
B.C. Holland Gallery, Chicago
Privatsammlung (von B.C. Holland, Inc., am 21.12.1966 erworben)
Literature:
Kunst-Stücke: Eine Ausstellung auf Reisen, München - Hannover - Köln, Ausst.-Kat. Galerie Koch, Hannover 2021, S. 28f.
Die Kleinstadt Treptow an der Rega (heute: Trzebiatów) entdeckt Feininger 1924 auf seinem Weg nach Deep, einem kleinen Fischer- und Badeort an der Küste in Hinterpommern, in dem der Künstler von 1924 bis 1935 die Sommermonate verbringt. In Treptow fasziniert Feininger insbesondere die „riesig hochragende“ Pfarrkirche St. Marien, die er in der Folge wiederholt zum Motiv seiner Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder wählt. (1) Beeindruckt von ihrer Erscheinung vergeistigt Feininger diese in einer Reihe seiner Werke, indem er ihre Architektur ins Monumentale, zur Kathedrale, steigert.
Auch in Treptow a. d. Rega entbindet Feininger die Architektur von ihrer Materialität und entrückt sie ins Metaphysische. Hier nicht durch eine Steigerung der Größenverhältnisse, sondern durch ihre Visualisierung in der Dämmerung bzw. der Nacht. Durch eine von Häusern gesäumte Gasse blickt der Betrachter auf die im Hintergrund dunkel emporragende Marienkirche. Ein Himmelskörper über der kleinstädtischen Architektur gibt der Komposition Gleichgewicht. Die einzelnen Bildgegenstände der Federzeichnung sind mit geraden Umrisslinien erfasst, so dass selbst der Himmelskörper eine kantige Erscheinung erhält. Einzelne Partien der Zeichnung hat der Künstler mit Kohle flächig dunkel gestaltet, wodurch diese der Malerei oder dem Aquarell angenähert wird. Architektur sowie Teile des Himmels werden durch das Schwarz der Kohleflächen in nächtliches Dunkel getaucht und durch die lichte Helligkeit des Himmelskörpers durchbrochen. Auf diese Weise gelingt es Feininger der äußeren Erscheinung der Architektur das rein Gegenständliche zu nehmen, sie zu entmaterialisieren und zu vergeistigen, „zu verklären“, wie es der Künstler selbst nennt.

1) Lyonel Feininger, Brief an Julia Feininger, 28. Juni 1924, zit. nach Werner Timm (Hrsg.), Lyonel Feininger, Erlebnis und Vision, Die Reisen an die Ostsee, Ausst.-Kat. Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg; Kunsthalle Bremen, Regensburg 1992, S. 149.