Bernd Schwarzer

* 1954 Weimar

Ausgewählte Werke

Europa grüßt die Welt (Salve (Gold-Blau))
1997-98
Europäischer Vulkan
1997-2008
Deutsches Mauerbild (Schwarz-Rot-Gold)
2000-2008
Deutschlandkopf
1985-1993
Europäischer Kopf, Gold-Blau
1982-1984-19
Deutschlandkopf
1985-1993
Café Bild
1981
Europabild, Gold-Blau
1994-1996
Akt
1978-1980

Vita

24.07.1954
geboren in Weimar
1959
Übersiedlung mit seiner Familie nach Düsseldorf, wo Schwarzer bis heute lebt und arbeitet
1976 - 1984
Studium der Malerei bei Professor Werner Schriefers, Fachhochschule für Kunst und Design Köln
1978 - 1983
Studium der Malerei bei Professor Gerhard Hoehme und Gastschüler bei Professor Joseph Beuys, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf
1984
Meisterschüler bei Professor Werner Schriefers, Fachhochschule für Kunst und Design Köln
Als freier Künstler in Düsseldorf, Köln und Weimar tätig
2000
Gastprofessur an der Akademie der Künste der Republik Belarus, Minsk (Meisterklasse), lebt und arbeitet in Düsseldorf

Einzelausstellungen (Auswahl)

2000
"Expo 2000", Weltausstellung Hannover, Hannover
2003
"Bernd Schwarzer, Europa", Staatliches Russisches Museum St. Petersburg, St. Petersburg, Russland "Bernd Schwarzer", Cenar za kulturu, Tivat, Serbien & Montenegro
2006
"Bernd Schwarzer, Zeichnungen", Stadtmuseum Bonn, Bonn
2007
"Auf der Suche", Museum der Diözese, Würzburg
2008
"Europawerk", Auswärtiges Amt, Berlin "Bernd Schwarzer, 40 Jahre Malerei", Galerie Koch, Hannover
2010
"Art From Europe: Bernd Schwarzer", Today Art Museum, Peking,
2013
"GlaubensKunst/KunstGlaube", Vatikanvietel, Via Cluzio Clementi, Rom, Italien
2014
"Bernd Schwarzer, Poesie und Realismus", Osthaus Museum, Hagen "Bernd Schwarzer - Jubiläumsausstellung zum 60. Geburtstag", Galerie Kellermann, Düsseldorf

Texte

Denk ich an Deutschland ...

Zum Werk von Bernd Schwarzer

 

Bereits bei einem nur flüchtigen Blick auf das Werk von Bernd Schwarzer werden zwei Wesenszüge auffällig, die thematische Breite und die formale Vielfalt seines Oeuvres. Was die Gestaltung angeht, finden sich im Repertoire des Künstlers fein gestrichelte Federzeichnungen ebenso wie in Farbe schwelgende Malerei. Die detaillierte Ausarbeitung steht neben der skizzenhaften Abbreviatur, die realistische Figuration neben der selbst bezüglichen Abstraktion. Den alten Renaissancestreit der Malerschulen von Florenz und Venedig, was Vorrang haben solle in der Malerei, Farbe (coloriti) oder Linie (disegno), beantwortet Schwarzer in seinem Werk mit einem Kompromiss. Obwohl der Künstler ganz unzweifelhaft ein Genie der Farbe ist, die er bei Bedarf auch pastos ins Bild knetet, als wolle er ein plastisches Werk schaffen - ein Gestus, der unverkennbar zur Signatur seiner Malerei geworden ist - ist er doch nicht weniger in der Lage, Bilder de more geometrico durch prägnante Linien, Formen und Strichlagen zu schaffen. Die kognitive wie die emotionale Bewältigung der Welt, die den alten Prioritätenstreit grundiert, finden im Werk von Schwarzer gleichermaßen Statt. In Balance gerät in seinem Werk aber noch eine andere Kontroverse. Kandinsky hatte vor fast einem Jahrhundert für die Zukunft der Kunst prognostiziert, es werde von nun in der Malerei „das große Abstrakte“ neben dem „großen Konkreten“ stehen. Für den Begründer der Abstraktion war klar: das nicht gegenständliche Bild ist Zeugnis von Fortschritt und Freiheit in der Kunst, emblematischer Ausdruck ihrer Zukunft und Modernität, während das gegenständliche Bild die Vergangenheit der Kunst symbolisiert, ihre Tradition und Rückwärtsgewandtheit.

 

Auch angesichts dieses Dualismus hat Schwarzer keine Probleme, in unterschiedliche, ja konträre Rollen zu schlüpfen. Glaubensfragen zum Bild interessieren ihn nicht. „Gott hat alle Maler gern“ (1980-82) schreibt er in ein großformatiges Bild, das gegenständlich und ungegenständlich zugleich ist. Abstraktion oder Figuration, Vorrang von Farbe oder Linie? Einerlei, so lange es nur ein gutes Bild ist. Schon die Liste der Künstler, denen Schwarzer in seinem Werk Hommagen abstattet, ist insofern widersprüchlich, als sie nicht einer Epoche oder Schule angehören. Was sie eint ist, dass sie alle, in der einen oder anderen Weise für ihn Bedeutung haben. Die früheste Hommage aus dem Jahre 1964, da ist er zehn (!) Jahre alt, eine Seelandschaft mit Booten, ist dem Romantiker Casper David Friedrich gewidmet. Was Schwarzer an ihm interessiert, ist neben seiner fabelhaften Malerei die romantische Neigung, Traum und Wirklichkeit, Gefühl und Verstand gelingend zusammenzuziehen. Hommagen des Künstlers gibt es immer wieder auch für van Gogh. Über die Ehrfurcht einflößende Qualität seiner Bilder muss man nicht sprechen. Was Schwarzer darüber hinaus an van Gogh imponiert ist seine Energie und Kompromisslosigkeit, die ihn gegen den Geist der Zeit das Bild in Form und Farbe neu erfinden ließ. Oder die artistischen Tribute Schwarzers an die spanischen Maler Goya und Velazquez, auch sie Künstlerrevolutionäre in ihrer Zeit und kühne Bilderfinder. Wobei ihn als homo politicus an Goya das soziale Engagement und kritische Temperament beeindrucken. Schließlich ist da noch des Künstlers Vorliebe für den amerikanischen Begründer des action painting und des all over, Jackson Pollock.

 

Spätestens wenn er auf der Liste der von Bernd Schwarzer bewunderten Maler auftaucht, denen er in seinem Werk Hommagen gewidmet hat, wird deutlich, dass Malsprachen oder -schulen für ihn nicht exklusiv existieren. Was zählt ist die persönliche Betroffenheit Schwarzers vor den Bildern seiner Künstlerkollegen. Seine Idiosynkrasien und Vorlieben bilden das gemeinsame Zentrum seiner Wahl. Nicht anders verhält es sich bei den Themen, die er in seinen Bildern, Zeichnungen und Objekten verhandelt. Auch wenn schwergewichtige Kataloge mit ihren Titeln auf die Europathematik im Werk des Künstlers zielen, ist das sicherlich ein zentrales Motiv seiner Kunst, aber lange nicht das einzige. Allein beim Blättern in jedem dieser Kataloge werden die unterschiedlichsten Themen sichtbar. Neben den Künstlerhommagen tauchen häufig Kreuzigungsmotive auf, wobei der leidende Christus ikonologisch ein alter ego des Künstlers in seiner Rolle als Außenseiter und Seher ist. Das Motiv des Gekreuzigten führt Schwarzer zu malerischen Exkursionen über die Rolle der Religion in der heutigen Gesellschaft, auch zum Motiv des Glaubensstreites und der Intoleranz religiöser Eiferer wie in „Religionen (Terror mit Kreuzigung), Himmelstreppe“, einem Aquarell aus dem Jahre 1977. Das Bild hat prophetische Qualitäten, sehen wir auf ihm doch, wie Flugzeuge Hochhäuser angreifen und in sie hinein fliegen. Ideologischer Terror führt Schwarzer bis zur Französischen Revolution in die Geschichte zurück, während das bittere Drama der deutschen Teilung seine Aufmerksamkeit in der Gegenwart gefangen hält. Wie Janus, der römische Gott mit den zwei Köpfen, schaut der Maler zeitlich vor und zurück: auf die Schützengräben von Verdun und auf die Konzentrationslager des Zweite Weltkrieges wie auf die Macht der neuen Medien und die Verwerfungen von Mensch und Gesellschaft durch den Computer und die von ihm ausgelöste Informationsrevolution.

 

Zu den „seherisch“ große gesellschaftliche Debatten im Bilde vorwegnehmenden Werken Schwarzers gehört auch das „Genbild-Genstrukturen (Gehirnzellen – Tier – Mensch – Naturzellen)“ aus dem Jahre 1976. Der Titel des Aquarells listet – wie häufig im Werk Schwarzers - akribisch die einzelnen Motive auf, die auch im Bild verhandelt werden. Mit einer ironischen Wendung eines berühmt gewordenen Wortes von Frank Stella könnte man hier sagen: „You get what you read“. Aber natürlich bekommt der Betrachter beim Ansehen der Schwarzer-Bilder viel mehr, als er im Titel liest. Unter der Hand des Künstlers verwandeln sich die Motive in erregende Topografien aus Form und Farbe, die mit einer bloßen Illustration des Themas nichts zu tun haben. Auch Schwarzers Genbild ist eine geheimnisvolle Collage aus unterschiedlichen Stoffen. Ihre Strukturen verbinden sich zu einer malerischen und zeichnerischen Landschaft aus rätselhaften Codierungen, in die der Künstler das nicht minder rätselhafte und wunderbare Funktionieren des menschlichen Gehirns und Genoms übersetzt hat. Bereits hier tauchen in den Rot-, Schwarz-, Gold- und Blautönen des Bildes jene Farben auf, die in vielen Werken Schwarzers zu den Bild beherrschenden Protagonisten werden und die der Künstler in seinen Titeln immer wieder mit großer Beharrlichkeit erwähnt, als könnte der Betrachter sie sonst übersehen, was schlechterdings unmöglich ist - so prononciert treten sie auf. Als Übersetzung der Nationalfarben von Deutschland und Europa führen sie uns unmittelbar zu den zentralen Anliegen des homo politicus Bernd Schwarzer: die deutsche und die europäische Einigung.

 

Das Motiv der Einigung, hinter der sowohl die Hoffnung „Nie wieder Krieg!“ aufscheint als auch der Glaube an ein allgemeines Toleranzedikt für unsere Zeit, thematisiert Schwarzer formal in seinen Bildern in immer anderer Weise. Wir finden unter ihnen reine und wunderbare Farblandschaften. Pastose, serielle Strukturen, hinter denen das politische Thema kaum noch sichtbar ist, das uns dann der Titel wie in „Deutschlandbild, Landschaft (Gold-Rot-Schwarz)“, 1985-93, tatsächlich zwingend ins Gedächtnis ruft. Oder das Bild „Deutscher Vulkan (Schwarz-Rot-Gold)“, 1988-1998, auf dem die Farben wie flüssiges Magma über die Leinwand rinnen. In ihrer rot glühenden Bewegungsspur verraten sie etwas von der Gefährlichkeit, die in jedem Nationalismus lauert, der es ja liebt, die a priori unschuldigen Nationalfarben für seine nationalistischen Zwecke zu missbrauchen. Nicht anders beim Ausbruch von „Europäischer Vulkan (Gold-Blau)“, 1989-1995. Hier fließen das hoffnungsvolle und friedfertige Blau der europäischen Fahne und das Gold ihrer, die einzelnen Mitgliedsstaaten symbolisierenden Sterne zu einem sich verklumpenden, ununterscheidbaren Farbgemisch zusammen, das einer gefährlichen Mengegelage ähnlicher sieht als einem friedlichen Miteinander. Auch wenn Schwarzers Bilder abstrakten Duktus haben, verzichten sie nicht auf einem politischen Kommentar. Andere Werke, Collagen zumeist, sind da allerdings sehr viel expliziter und eindeutiger. „Europäische Gedenkkarte (Gold-Blau)“, 1993-97, feiert Kohl und Gorbatschow als Paten der deutschen und europäischen Einheit. „Europa grüßt die Welt - Salve (Gold-Blau),1997-98, zeigt die Europäische Union der Fünfzehn, die sich inzwischen ja noch um Mitglieder im Osten und Südosten erweitert hat, als friedliches, mit „Salve“ grüßendes Staatengebilde.

 

Wenn sich Bernd Schwarzer in seinem künstlerischen Werk so stark auf das Thema der deutschen und europäischen Einheit konzentriert und darin so etwas wie eine zivilisatorische Schicksalsfrage erkennt, hat das mit der deutschen und europäischen Geschichte ebenso viel zu tun wie mit seiner persönlichen Biografie. 1954 in Weimar geboren, ist er mit der Teilung Deutschlands aufgewachsen und hat das Land mit seiner Familie gerade noch vor dem Bau der Mauer verlassen können. Die Eindrücke und Erfahrungen seiner Jugend haben ihn nachhaltig geprägt. In jener Zeit hat sich sein politisches Bewusstsein ausgebildet, das ihn auch als Künstler mit gesellschaftskritischen Augen auf die Welt und Wirklichkeit schauen lässt. Dazu kommt, dass Schwarzer in Düsseldorf Meisterschüler von Josef Beuys war, dem er ebenfalls eine Hommage gewidmet hat, „Joseph Beuys (Gold-Blau)“, 1997-2000. Er porträtiert seinen Lehrer bezeichnenderweise mit der roten Rose, mit der er auf der documenta 5 für seine Idee der direkten Demokratie geworben hat. Beuys verstand ja seine Existenz als Künstler stets auch im politischen Sinn. Sein Konzept eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und seine Vorstellung einer „sozialen Plastik“ dürften bei Schwarzer auf große Resonanz gestoßen sein. Aber während Beuys seine politischen Anliegen oft in mythisch magischen Installationen verschlüsselte, liebt Bernd Schwarzer die explizite Botschaft in Gestalt von leidenschaftlicher Malerei. Dabei soll die politische Botschaft ihren Adressaten nicht verfehlen und die künstlerische Form ihn von ihrer Gültigkeit überzeugen.

 

Michael Stoeber