Emil Cimiotti

Ohne Titel (Papierrelief, aus der Reihe "Macchiato"), 2015

Papierrelief
66 × 97 cm
Signiert
Provenienz:
Atelier des Künstlers
Literatur:
Grün: Von farblichen Akzenten zur Monochromie IV, Ausst.-Kat. Galerie Koch, Hannover 2021, S. 22f.

Über den Künstler

Emil Cimiotti, 1927 in Göttingen geboren, ist einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer seiner Generation. Ab 1955 entwickelt er in der Plastik eine ganz neue, eigene Formensprache. Er verzichtet auf die Geschlossenheit der plastischen Form, die vielfach durchbrochen, in abstrakte, organisch anmutende Strukturen aufgelöst wird, die an Vegetation, Erdformationen, Wolken und anthropomorphe Figuren erinnern; gedankliche Vergleiche, die durch die Titel der Werke, die Cimiotti seinen Bronzen nachträglich und assoziativ vergibt, bekräftigt werden. Ab den späten 1960er Jahren werden die Plastiken Cimiottis mit weiblichen Torsi und Blumenformen gegenständlicher. Diese Phase setzt sich in den 1970er Jahren mit der Einbeziehung manipulierter Naturabformungen in seine Werke (z.B. "Blätterbrunnen", 1976 aufgestellt, Hannover) sowie der Vanitas- und Memento-Mori-Motivik in Form von Schädeln, skelettierten Körpern und Stillleben fort. Doch auch in diesen Jahren interessiert sich Cimiotti formal in erster Linie für die Strukturen seiner Sujets. Dies bekräftigten seine in den letzten drei Jahrzehnten geschaffenen Bronzen mit ihren vegetabilen, geologischen oder landschaftlichen Bezügen. Landschaftliche Assoziationen verknüpfen sich ferner mit Cimiottis in Mischtechnik gearbeiteten Kompositionen auf Papier, die überdies die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Farbe als Gestaltungsmittel zeigen. Seit 2012 entstehen als eine neue Werkgruppe „Papierreliefs“ aus geknicktem, gestauchtem, gefaltetem oder gewelltem Papier, die gleichermaßen Struktur und Farbe thematisieren.

Emil Cimiotti studiert nach einer Lehre als Steinmetz ab 1949 Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Otto Baum. Er lernt Willi Baumeister kennen, der zu einem der wichtigsten geistigen Anreger des jungen Künstlers wird. 1951 folgt ein kurzer, unbefriedigend verlaufender Studienaufenthalt an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin bei Karl Hartung. Cimiotti geht für ein Semester nach Paris, wo er an der École de la Grande Chaumière bei Ossip Zadkine studiert sowie die Ateliers von Constantin Brancusi, Le Corbusier und Fernand Léger besucht. Ende 1951 kehrt er nach Stuttgart zurück, wo er 1954 sein Studium abschließt. Cimiotti findet früh Anerkennung. 1958 und 1960 ist er auf der Biennale in Venedig vertreten, 1959 und 1963 auf der documenta in Kassel. Er erhält gleich zweimal, 1957 und 1959, den renommierten Kunstpreis „junger westen“. 1959 ist er Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Museen und Privatsammlungen erwerben seine Werke. 1963 erhält der Künstler einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Bildhauerei an der neugegründeten Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, den er bis 1992 innehat. Cimiotti erhält in der Folge weitere Auszeichnungen. 2017 ehrt ihn unter anderem das Sprengel Museum Hannover mit einer Einzelausstellung.
Mit den Papierreliefs setzt im Schaffen Emil Cimiottis 2012 eine neue Werkgruppe ein. In dieser setzt sich der Bildhauer mit den plastischen Möglichkeiten des Materials Papier in Verbindung mit der Farbe auseinander. Es entstehen verschiedene Werkserien, unter diesen die 2015 geschaffene und von Cimiotti "Macchiato" (dt.: fleckig, gefleckt) benannte Serie. In dieser drückt und knittert der Bildhauer den Papierbogen zu einem lockeren, die ganze Fläche des Papiers überziehenden Gespinst gratartiger Strukturen, die dem eigentlich zweidimensionalen Papier den Charakter eines Reliefs und damit Dreidimensionalität geben. Strukturen wie auch Räumlichkeit werden von der Farbigkeit der Papierreliefs aufgenommen, indem sie ein Gespinst aus locker verlaufenden monochromen Farbflecken bildet, deren unterschiedliche Hell- und Dunkelwerte Räumlichkeit suggerieren. In vorliegendem Papierrelief der Reihe"Macciato" setzt Cimiotti mit einem warmen Grün, das ins Olivgrün tendiert,
einen lebhaften Kontrast zum Weiß des Papiers. Grün ist neben den Farben Rot und Braun eine der bevorzugten Farben der Papierreliefs des Bildhauers. Die sich mit dieser Farbe verbindenden Vorstellungen von Vegetation und Landschaft
sind durchaus berechtigt, da Cimiottis Schaffen, trotz gegenstandsloser Abstraktion, in Form- und Farbgestaltung von Natur und Landschaft inspiriert ist.