Hermann Hesse

Calw 1877 - 1962 Montagnola (Schweiz)

Ausgewählte Werke

Interieur
30er Jahre
Tessiner Berge
30er Jahre

Texte

„Ahnung von Seen und Gärten, Duft von Wein und Mandel weht herauf […].“ (Hermann Hesse, „Bergpaß“ in „Wanderung“, 1920)

Für den „protestantischen Nordländer“ Hermann Hesse war das Tessin mit seinem milden Klima und seiner mediterranen Landschaft das Paradies schlechthin. Von 1919 bis zu seinem Tod 1962 lebte Hesse im Dorf Montagnola am Luganer See. Hier entstanden auch zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen, die Hesse oft als Illustrationen seiner Gedichte verwendete. Auch die hier vorliegenden neun Aquarelle über Federzeichnungen, vier Arbeiten von 1933 und fünf Arbeiten aus dem Jahr 1937, stehen in direktem Zusammenhang mit Gedichten, die auf der Innenseite des bemalten Blattes typografisch abgedruckt sind. Der beständig auf die Unterstützung durch Mäzene angewiesene Dichter hatte die Gewohnheit, Gedichtblätter mit eigenhändig hergestellten Illustrationen, mitunter auch mit eigenhändig geschriebenem Text, in einer Art Subskriptionsverfahren seinen Freunden anzubieten, um sich auf diese Weise einen kleinen Broterwerb zu sichern. 


Hermann Hesse, 1877 in Calw in Württemberg geboren, begann 1895 zunächst eine Buchhändlerlehre in Tübingen. Schon 1896 erfolgte der erste Abdruck von Gedichten. 1899 siedelte Hesse nach Basel über, wo er bis 1903 eine Ausbildung im Antiquariatsbuchhandel absolvierte. Ab 1904 arbeitete er als freier Schriftsteller und Mitarbeiter mehrerer Zeitschriften. 1911 reiste er gemeinsam mit dem Maler Hans Sturzenegger nach Indien, 1912 zog er mit seiner Frau Maria und drei Söhnen nach Bern, wo er auch während des Ersten Weltkriegs lebte. Bald nach Kriegsbeginn erfasste die Familie eine tiefe Krise infolge des Ausbruchs einer schweren Gemütskrankheit von Maria Hesse, die sich dauerhaft in eine Nervenanstalt begeben musste. Die Kinder wurden in Pension gegeben, Hesse durchlebte eine seelische Krise und unterzog sich einer Psychotherapie.


Es war genau an diesem Tiefpunkt seines Lebens, als Hermann Hesse 1917 zu malen begann. 1919 begab er sich allein ins Tessin und mietete im Dorf Montagnola die Casa Camuzzi. Bereits 1901 war Hesse auf dem Weg nach Italien ein erstes Mal durchs Tessin gereist, 1907 hatte er einen knappen Monat auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona verbracht. Völlig allein lebend, gelangte Hesse inmitten der blühenden Tessiner Landschaft zu neuen dichterischen Ergebnissen. Dabei half ihm auch das Malen: „Ich male viel, und das hilft mir den Weg auch für die Dichtung finden […].“ (Brief an Franz Karl Ginzkey, Montagnola, 5.8.1919)


Bereits 1920 wurden Aquarelle von Hermann Hesse in der Kunsthalle Basel ausgestellt. Sein Stil ist gekennzeichnet durch eine leuchtende Farbigkeit, wie sie ihm sein Freund Louis Moillet, der Schweizer Maler und Reisegenosse von August Mackes und Paul Klee während der legendären „Tunis-Reise“ 1914, vermittelt haben mag. Aber auch andere Malerfreunde – Hans Purrmann, Cuno Amiet, die Schweizer Ernst Kreidolf und Gustav Gamper – werden Hesse beeinflusst haben. Hesse ist seinem in den 1920er Jahren gefundenen Stil in den folgenden vierzig Jahren treu geblieben. 


1931 zog Hesse in Montagnola in die Casa Bodmer, die ihm sein Schweizer Mäzen gebaut hatte. Ab Mitte März 1933 beherbergte er dort etliche Flüchtlinge aus Deutschland, darunter Thomas Mann und Berthold Brecht. Im August 1933 entstand der Zyklus „Gedichte des Sommers 1933“, von denen Hesse seinen Freunden mit einem Rundschreiben Abschriften zum Kauf anbot: „Diese Abschriften werden wieder mit farbigen Zeichnungen geschmückt und auf schöne Papiere geschrieben, und sind nicht uniform, sondern jedes hat seine Varianten.“ (Hermann Hesse, zit. n. Hans-
Dieter Mück im Ausstellungskatalog Kunsthaus Apolda 2001, S. 24) Vier dieser eigenhändig illustrierten Abschriften aus dem Sommer 1933 sind im vorliegenden Konvolut enthalten: „Sommerglut“, „Höhe des Sommers“, „Häuser am Abend“ und „Blumen nach einem Gewitter“.


1936 wurde Hesse selbst zum Verfolgten durch das Nazi-Regime, als eine Pressekampagne gegen ihn angestrengt wurde. Ab 1939 galt er in Deutschland als „unerwünschter Autor“. Aus dieser bedrängten Zeit stammen die fünf idyllischen Aquarelle von 1937, die fünf Gedichte illustrieren.