Emil Nolde (1867-1956) hat einen unglaublich Reichtum an Naturbildern hinterlassen, zu deren differenziertesten, sinnlichsten und farbenprächtigsten seine Blumenaquarelle gehören.

Bereits seit seiner Südseereise 1913/14 gewann das Aquarell in Noldes Kunst eine ganz neue Bedeutung. Mehr und mehr entwickelte er neue technische Möglichkeiten, indem er auf feuchtem Japanpapier die Wasserfarben auftrug und die Farben zum Teil ineinander fließen ließ, mit nassem Pinsel und Wattebausch die Bewegung kontrollierend. Erst wenn die Blätter getrocknet waren, zeichnete der Künstler mit Tusche oder trockener Aquarellfarbe Konturen, Verstärkungen oder Weißhöhungen ein. Der weiße Papiergrund erschien nun fast nicht mehr, die Aquarelle waren „Farbe ganz und gar“.

 

In wachsender Meisterschaft hat Nolde auf diese Weise eine kaum übersehbare Fülle von Blättern geschaffen: Landschaften, Blumen, Tiere, Köpfe. Aquarelle dieser Art und Leuchtkraft hatte es zuvor nie gegeben, im Technischen waren sie ganz Noldes Schöpfung, und in ihrer Wirkung haben sie viele jüngere Künstler beeinflusst. Auch in Noldes Gemälden spürt man Wechselwirkungen mit der Aquarelltechnik, indem bei manchen die Farbe gleichsam fließend aufgesetzt wurde.

 

Das Aquarell „Kleine Astern“ stammt aus einer künstlerisch sehr fruchtbaren Phase im Schaffen Noldes. Nach Überwindung einer schweren Krankheit hatte er das kleine Utenwarf aufgegeben und den größeren Seebüll-Hof bei Neukirchen, unmittelbar an der dänischen Grenze, gekauft. Dort baute er sich nun auf einer freien Warf ein neues Haus, das neben Wohnräumen und Werkstatt einen Bildersaal mit Oberlicht enthielt, wo er seine Werke für sich und seine Freunde ausstellen konnte. Hinter dem Haus, von Hecken und Bäumen gegen den heftigen Wind des Küstenlandes geschützt, legte der Bauernsohn Nolde einen verzauberten Blumengarten an, dessen wilde Üppigkeit ihm im Sommer mannigfaltige Motive für seine Kunst bot. 1927 bezog Nolde das neue Haus in Seebüll und verlebte dort von nun an die Sommerzeit, während er die Winter bis 1941 im Westend von Berlin verbrachte.

 

Um 1930 erreichte Nolde eine blühende, tief leuchtende Farbe, die in den großen religiösen Bildern aus den nachfolgenden Jahren (z. B. „Die Familie“, 1931) eine starke Verinnerlichung und eine neue feierliche Stille transportiert. Neben den bedeutungsvollen Gemälden entstanden viele Aquarelle, deren Farben nun sinnlicher und zugleich transzendenter erschienen. Aus eben jener fruchtbaren Schaffensphase stammt auch das vorliegende Werk, dessen Motiv der Künstler in den frühen 1930er Jahren im Spätsommer oder Frühherbst in seinem Seebüller Blumengarten gefunden haben mag.   

 

Das exzellent erhaltene Blatt zeigt eine diagonal angelegte Komposition, die mit wenigen Farbtönen ausschnitthaft zwei verschiedene Sorten von Astern zeigt: In der linken unteren Bildzone sind kleine violette Astern, wie sie im Bauerngarten häufig zu finden sind, dargestellt, in der rechten oberen Bildzone drei große rote Herbstastern, die von rechts unten nach links oben über die kleineren und unscheinbareren Astern hinauszuwachsen scheinen. Farblich ist die Palette beschränkt auf ein überwiegend eher kühles Rot, ein dunkles Grün, wässrige Blau- und Violetttöne sowie ein leuchtendes Gelb, das in der Blauzone unter Beachtung der komplementären Farbbeziehungen zu einem dunklen Gelbton moduliert. Das Gelb der Samenkelche, das besonders in den Zentren der großen roten Astern rund hervorleuchtet, bildet ein Bindeglied zwischen den roten und den blau-violetten Blüten.

 

Kunsthistorisch ist Nolde, der 1867 als Emil Hansen geboren wurde und 1902 seinen Namen in den seines Geburtsorts Nolde in Nordschleswig umänderte, schwer einzuordnen. 1906 wurde er Mitglied der expressionistischen Künstlervereinigung „Die Brücke“, die er jedoch ein Jahr später bereits wieder verließ. Danach blieb Nolde sein Leben lang Einzelgänger.

 

Das Jahr 1931 brachte dem Künstler den ehrenvollen Ruf an die Preußische Akademie der Künste, weshalb Nolde sich wohl zunächst in Sicherheit wähnte, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen. Er täuschte sich jedoch gewaltig: Ab 1933 verschwand ein Bild nach dem anderen in den Magazinen der Museen, 1937 wurden schließlich 1052 Arbeiten von ihm beschlagnahmt und Nolde als „entartet“ verfemt. Als der Verkauf von Bildern dennoch nicht abriss, verhängte das NS-Regime 1941 ein totales Malverbot gegen dem Künstler, der sich nun ganz nach Seebüll zurückzog. Erst 1945 erlangte Nolde seine berufliche und schöpferische Freiheit wieder. 1956 starb Emil Nolde in Seebüll.